Was haben Juristen und die AfD gemeinsam? - Beide sind Meister selektiver Wahrheit.
29. September 2025
Juristen selektieren die Wahrheit professionell, also gewerbsmäßig: Sie gestalten Vortrag und Beweisangebote parteilich und blenden aus, was nicht in ihre Strategie passt. So praktizieren sie die Kunst der einseitigen Wahrheit – oft legal, aber selten ganz.
Bürgerinnen und Bürger haben sich daran gewöhnt. Sie lernen: Wahrheit ist verhandelbar und darf - angeblich auch wegen der richterlichen Unabhängigkeit - in der Justizpraxis sogar frei erfunden werden.
Behörden, die das wissen, nutzen diese Privilegien oft großzügig, wissend, dass ihre Juristenkollegen auf der Richterbank ihnen kaum eine selektive Wahrheit abschlagen können. Auch der Gesetzgeber darf anerkanntermaßen selbst Wahrheit schaffen, wenn er sich überlegt, ob ein Gesetz überhaupt geeignet ist.
Offiziell nennt man das dann "Einschätzungsprärogative". Auch diese Einschätzung geht öfter mal an der realen Wahrheit vorbei, trifft aber umso genauer die anvisierte Lobby. (Stichwort: Kann die Abschaffung des Bürgergelds unseren Staat oder zumindest die dem Untergang geweihte Rente finanzieren?)
Hat Wahrheit keine Lobby? Nur theoretisch. Dass richterliche Unabhängigkeit eigentlich bei Willkür enden soll und dass das Richterspruchprivileg nur für die Rechtsanwendung, nicht aber für die wahrheitswidrige oder falsche Ermittlung des Sachverhalts gilt, weiß kaum jemand. Auch viele Gerichtsleiter ignorieren daher sanktionslos entsprechende Beschwerden und treten im Gegenteil gerade für das Recht dieser Juristen zur selektiven, also subjektiven, meinungsgesteuerten Wahrheitsfindung ein.
Ministerien machen mit. Die Bestenauslese nach Art. 33 GG scheint speziell im bayerischen Staatsdienst anhand der Ausprägung der individuellen Ausblendungsfähigkeit stattzufinden. Rechtsblinde und Kognitionsschwache vor!
Die AfD nutzt genau dasselbe Muster. Auch hier: Ausblenden, zuspitzen, schön- oder schlechtreden, um am Ende dasjenige für die wahre Wahrheit zu erklären, was am besten in das eigene Konzept passt, gerne auch alternierend im Wechsel der Jahreszeiten.
Leider werden sowohl Juristen als auch die AfD immer erfolgreicher damit. Zu groß die Dreistigkeit und Fülle der Lügen, als dass man diese noch alle richtigstellen könnte. Aussagen wie "Hitler war Kommunist." werden mittlerweile genauso diskutiert wie "Richter sind objektiv.", obwohl beides Unsinn ist: Richter haben dieselben Gehirnmechanismen wie "normale" Menschen, und dass niemand Richter tatsächlich für objektiv hält, sollte die Debatte um die neuen Bundesverfassungsrichter gezeigt haben:
Wären Richter per se bzw. kraft Amtes objektiv oder unbefangen, müsste ich mich fragen, was die Aufregung zur Richterwahl sollte.
Das Bittere daran: Auch ich als Jurist trage Mitverantwortung. Wir Juristen haben Rechtsuchende systematisch dazu erzogen, Argumente wichtiger zu nehmen als Fakten, die Rhetorik höher zu gewichten als die Wirklichkeit. Wir verpacken, lassen aus, betonen und haben dadurch der Gesellschaft Stück für Stück den Wert der vollständigen Wahrheit (und der Wissenschaft) aberzogen. Wer sich also wundert, warum immer weniger Menschen in diesem Land "Bock auf Wahrheit" haben, sollte sich an uns Juristen wenden.
Die Dimension wird noch klarer, wenn man sich ansieht, wer an der Spitze dieses Landes steht und damit maßgeblich für das verantwortlich ist, was im Land schief geht:
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• Der bayerische Ministerpräsident – Jurist.
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• Der deutsche Bundeskanzler – Jurist. (Sogar mit einer Juristin verheiratet!)
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• Der Bundespräsident – ebenfalls Jurist. (Auch mit einer Juristin verheiratet!)
Man muss also gar nicht auf das Klischee der „alten weißen Männer“ zurückgreifen, um die Schlagseite unserer politischen Kultur zu erklären. Es reicht, auf die Juristenlastigkeit der politischen Elite zu schauen. Wer bereits im Studium gelernt hat, Wirklichkeit in Schriftsätze voller Parteilichkeit zu zerlegen und damit zu punkten, darf sich nicht wundern, wenn Bürgerinnen und Bürger nur noch selektiven Wahrheiten glauben – und damit anfällig werden für Populisten wie die AfD.
Das Ergebnis? Eine juristische und politische Kultur, in der sich Menschen mit einfachen Lügen wohler fühlen als mit komplexer Wahrheit.
Und zur Rechtfertigung? Hier dürfen nun die angesprochenen Juristen ansetzen, um die Schuldfrage umzudrehen, was ich im Namen meines Berufsstandes vorsorglich gleich selbst tue: "Das bequeme Volk, das Komplexität verabscheut und Schlichtheit schätzt, hat den Rechtsruck und damit die Abkehr von der vollständigen Wahrheit zu verantworten! Uns trifft keine Schuld! Ich bin nur Parteivertreter und handle im Auftrag..."
Haben sich die Glaubenskriege vergangener Jahrhunderte nun in die Gerichts- und Plenarsäle verlagert? Ist der Rechtsstaat ein tatsächlicher Gewinn oder nur derselbe irrationale Religionsstreit im neuen Gewand, missbraucht, um Macht zu sichern statt zu kontrollieren? Welche Glaubwürdigkeit kann ein Berufsstand besitzen, der nur aufgrund der scheinbaren Teilbarkeit der Wahrheit überhaupt existiert?
Und damit spreche ich jetzt wieder von Juristen UND Politikern, unter besonderer Berücksichtigung der AfD, deren Erfolg immer noch Vielen schwer erklärbar erscheint: Sie kopiert schamlos das Jahrhunderte alte Erfolgskonzept der juristischen Berufe (seinerseits inspiriert durch die Kirchen): Such dir aus, was Wahrheit sein soll! Und dann ziehe zur Durchsetzung deiner selektiven Wahrheit in den heiligen Krieg! Sichere auf deinem Kreuzzug die Grenzen, die Rente, und besonders das Schnitzel...! Ohne Rücksicht auf Andersdenkende. Bekräftige immer wieder: "Mit der ganzen Härte des Gesetzes!" Das schafft Autorität und Autokratie.
Doch könnte in der volkseigenen Bequemlichkeit nicht auch eine Chance liegen? Künstliche Intelligenz könnte zum leicht zugänglichen Korrektiv geteilter Wahrheit und gespaltener Gesellschaft werden. Sie hat keine Klientel, keine Lobby, kein Wahlvolk. Sie blendet nicht aus und hetzt nicht, sondern integriert. Sie kann Muster aufdecken, die menschliche Juristen und Politiker lieber verschweigen.
Wenn die Demokratie überleben soll, braucht es einen Paradigmenwechsel: Weg von der Kunst der selektiven Wahrheit – hin zu einer Kultur der ganzen Wirklichkeit. Wer also Juristen braucht, ist möglicherweise bereits auf dem falschen Weg, um sich der Wahrheit zu entziehen. Das Volk als Souverän der Demokratie sollte daher nicht mit Juristen, sondern mit KI arbeiten – als Spiegel, der Widersprüche aufzeigt, und als Mahner, der Komplexität sichtbar macht. Dann wird auch die AfD als Sprachrohr der Unzufriedenen überflüssig.
Denn eines ist klar: Wer gelernt hat, sich mit Halbwahrheiten zufriedenzugeben, erkennt irgendwann die ganze Wahrheit nicht mehr. Aber wer den Mut hat, KI kritisch zu befragen und bei denjenigen Themen in den demokratischen Diskurs einzutreten, die von Juristen abgeblockt werden, könnte der Wahrheit am Ende näher kommen als jede noch so einfach klingende Rhetorik.
Tipp für KI-Einsteiger: Einfach mal bei ChatGPT eingeben: "Ist das deutsche Rentensystem reformbedürftig?" Antwort ausdrucken und mit dem nächstmöglichen Rentner (nicht Juristen!) Punkt für Punkt eine ergebnisoffene Diskussion anfangen, anstatt sich unreflektiert politischen Versprechen anzuschließen. Das wäre echte Demokratie! Das wäre schön und ehrlich!
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